Warum Literatur? Lieblingszitate

Also waren die Gefühle eigentlich lauter Bilder, so wie eben der glänzende Himmel über mir.

Cover Hanser Verlag

Ich erfühlte die ganze Welt, doch zu erdenken vermochte ich sie nicht. Darum wollte ich Schriftsteller werden. Beim Schreiben würde ich denken und all die Bilder und Gefühle, die ich nicht in den Griff bekam, geduldig in Worte fassen (…).“

Aus: Die rothaarige Frau. Von Orhan Pamuk.
Übersetzt von Gerhard Meier. Hanser Verlag 2017, S. 91.

Alles lud sich stets mit allem auf, der Gang in die Buchhandlung, die Nächte und die Tage, die Erzählungen und die Menschen, der Frühling und der Sommer, das Innen und das Außen waren nie zu trennen, die Bücher und die Welt.“

Aus: Was wir waren. Von Andreas Maier, Suhrkamp Verlag 2018, Seite 10.

Was Literatur kann:

„We would be worse than we are without the good books we have read, more conformist, not as restless, more submissive, and the critical spirit, the engine of progress, would not even exist. Like writing, reading is a protest against the insufficiencies of life. When we look in fiction for what is missing in life, we are saying, with no need to say it or even to know it, that life as it is does not satisfy our thirst for the absolute – the foundation of the human condition – and should be better. We invent fictions in order to live somehow the many lives we would like to lead when we barely have one at our disposal.“

Auszug aus einer Rede des spanisch-peruanischen Autors Mario Vargas Llosa bei der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2010.

„So viel stand fest: Das Wort „Geschichtenerzähler“ wurde mit außergewöhnlichen Zeichen von Respekt von allen Machiguengas ausgesprochen, und jedes Mal, wenn jemand es in Gegenwart der Eheleute Schneil äußerte, hatten die anderen das Thema gewechselt. Aber sie glaubten nicht, daß es sich um ein Tabu handelte. Denn das berühmte Wort entschlüpfte ihnen sehr oft, was darauf hinzudeuten schien, daß der Erzähler ihnen geistig immer gegenwärtig war.“
Aus: Der Geschichtenerzähler. Von Mario Vargas LLosa. Suhrkamp Verlag 1997, S. 109.

„Wer die „Ungerechtigkeiten“ der Kommunikation hinnähme, wer auch weiterhin sanft spräche, zärtlich, ohne dass er eine Antwort erhielte, machte sich eine meisterhafte Fähigkeit zu eigen: die der Mutter.“

Aus: Fragmente einer Sprache der Liebe. Von Roland Barthes, Suhrkamp 1988, S. 67.

„Ich glaube, die Geschichten enden nicht, denn selbst wenn die Protagonisten nicht mehr da sind, wirkt ihr Handeln in den Lebenden weiter. Darum glaube ich an die Geschichte als Ozean, in den alle Flüsse der individuellen Geschichte münden. Die vorausgegangenen Leben sind für uns ein Rahmen. Wir sind die Verlängerung dieser Geschichten, so wie die nach uns unsere verlängern werden.“

Aus: Kamtschatka. Von: Marcelo Figueras. Nagel & Kimche 2006, S. 278

„Denn die Wünsche verhüllen uns selbst das Gewünschte; die Gaben kommen von oben herab, in ihren eignen Gestalten.“ Aus: Hermann und Dorothea. Polyhymnia. Von: Johann Wolfgang von Goethe.

Literatur und Wahrheit:

„Die Wahrheit der Literatur ist immerzu präsent, immer gleich, unveränderlich im Wortlaut und in der Fügung der Bilder, aber sie lässt sich nie gewinnen, stets nur annähernd erfahren und ein bisschen umschreiben.“

Aus: Dramaturgie einer Himmelsmacht. Die Liebe in der Literatur und das Ärgernis des Happy Ends. Von: Peter von Matt. Hanser Verlag 2003, S. 149.

„Tatsächlich aber ist es die Ehrfurcht, die wir unserem eigenen Dasein entgegenzubringen haben, die uns anhält, uns immer selber treu zu bleiben, indem wir auf jede Verstellung, von der wir in dieser oder jener Lage Gebrauch gemacht hätten, verzichten, und im Kampfe, durchaus wahrhaftig zu bleiben, nicht erlahmen.“

Albert Schweitzer: Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben. S. 31.

„Gute Geschichten sind mehr als wahr. Sie verbinden das Geschehene mit dem, was nicht geschehen ist. Erst beides zusammen ergibt die Wirklichkeit.“

Aus: Der Major, der den Krieg überlistete. Von Daniel-Dylan Böhmer. Insel Verlag 2013

Und welches sei denn nun die Gestalt und Maske, worin die nicht zugelassene und unterdrückte Liebe wiedererscheine? So fragte Dr. Krokowski und blickte die Reihen entlang, als erwarte er die Antwort ernstlich von seinen Zuhörern. Ja, das mußte er nun auch noch selber sagen, nachdem er schon so manches gesagt hatte. Niemand außer ihm wußte es, aber er würde bestimmt auch dies noch wissen, das sah man ihm an.“

Aus: Der Zauberberg. Von Thomas Mann. Fischer Verlag 1995, S. 176.

Wir hoffen und wir verzweifeln und werden so
zweifach betrogen, fuhr er fort, und es vergeht viel
kostbare Zeit, ehe wir von unseren dummen Hoff-
nungen und unsinnigen Verzweiflungen fortkom-
men. Ich glaube fast, dass ich nun so weit bin. Ich
weiß, wo ich stehe. Ich weiß, was ich zu erwarten ha-
be. Und ich weiß, was ich kann. Das ist noch immer
ein Nichts, aber endlich ein wahrhaftiges Nichts.
Nun bin ich völlig gelassen, und wenn nur dieser
Körper diesen Kopf noch ein weniges tragen will,
so werde ich ein paar Arbeiten aufs Papier setzen,
die alles Vorherige zu Fingerübungen und Gym-
nasiastengekritzel erklären.

Aus: Ein Wort allein für Amalia. Von Christoph Hein, Insel Verlag 2020, S. 32

„Ich weiß, dass Verleugnen ist eine unscheinbare Variante des Verrats. Von außen ist nichts zu sehen, ob einer verleugnet oder nur Diskretion übt, Rücksicht nimmt, Peinlichkeiten und Ärgerlichkeiten meidet. Aber der, der sich nicht bekennt, weiß es genau. Und der Beziehung entzieht das Verleugnen ebenso den Boden wie die spektakulären Varianten des Verrats.“

 Aus: Der Vorleser. Von Bernhard Schlink. Diogenes Verlag 1997.

Das Reversi Spiel (jenes Kartenspiel, bei dem der gewinnt, der die wenigsten Stiche macht) beruht auf einer den Kennern durchaus bekannten Finte („Meine Stärke ist meine Schwäche“). Dieser Gedanke ist eine List, weil er sich im Innern der Leidenschaft selbst einnistet, deren Obsessionen und Ängste er unangetastet lässt.

Aus: Fragmente einer Sprache der Liebe. Von Roland Barthes, Suhrkamp 1988, S. 122.

Der andere Blickwinkel in der Literatur:

Mal rein hypothetisch gesprochen“, sage er, „wäre es denn denkbar, eine direkte Fahrt zu machen, ohne Fracht, ohne Passagier, ohne einen Hafen anzulaufen, ohne alles?“ Über all das könne man sich nur hinwegsetzen, wenn ein Pestfall an Bord sei. Dann werde das Schiff nämlich mit Quarantäne belegt, die gelbe Fahne aufgezogen, und es herrschte der Ausnahmezustand. (…) Denn sie hatten genug zusammen erlebt, um zu erkennen, daß die Liebe zu jeder Zeit und an jedem Ort Liebe war, jedoch mit der Nähe zum Tod an Dichte gewann.“

Aus: Die Liebe in den Zeiten der Cholera. Von Gabriel García Márquez. Aus dem kolumbianischen Spanisch von Dagmar Ploetz. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1987.

„Nur an den beiden Polen menschlicher Verbindung, dort, wo es noch keine oder keine Worte mehr gibt, im Blick und in der Umarmung, ist eigentlich das Glück zu finden, denn nur dort ist Unbedingtheit, Freiheit, Geheimnis und tiefe Rücksichtslosigkeit.“

Aus: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Von Thomas Mann. Fischer Verlag.

„Und so lang du das nicht hast, dieses stirb und werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.“

Aus: West-östlicher Diwan, Buch des Sängers, Selige Sehnsucht. Von: Johann Wolfgang von Goethe.

„Ich war mir bisher immer sicher gewesen, dass ich alt werden würde. Ich hatte mich sogar schon so oft alt gefühlt, dass ich das Alter, in dem sich mein körperlicher Zustand endlich mit meinem geistigen im Einklang befinden würde, herbeisehnte. Ich war wie dazu geboren, alt zu sein, und nichts konnte mich daran hindern, mein Schicksal zu erfüllen. Doch nun war die Lage eine andere. Zum ersten Mal erkannte ich, dass alles plötzlich zu Ende sein könnte.“

Aus: Zum Glück Pauline. Von David Foenkinos. C.H. Beck Verlag 2013, Seite 69.