Mit Die Zeit die bleibt präsentiert der französische Regisseur François Ozon den zweiten Teil seiner filmischen Trilogie über die Trauer, deren erste Folge Unter dem Sand bereits 2000 zu sehen war. Darin spielte Charlotte Rampling eine Frau, die sich nicht von ihrem verschollenen Ehemann lösen kann. Auch in Le temps qui reste lässt Ozon seine Hauptfigur trauern, dieses Mal allerdings um ihren bevorstehenden eigenen Tod.

Cover © Arthouse Cinema
Der erfolgreiche junge und homosexuelle Fotograf Romain, gespielt von Melvil Poupaud – bekannt durch Eric Rohmers Film „Sommer“ – erfährt bei einer medizinischen Untersuchung, dass er einen Tumor im Kopf hat und nicht mehr lange leben wird. Er beschließt, die letzten ihm verbleibenden Wochen in Würde zu verbringen und die traurige Nachricht nur seiner Großmutter (großartig gespielt von Jeanne Moreau) anzuvertrauen.
In einer bewegenden Szene will Romain auch mit seinen Eltern über sein Sterben sprechen, übt den Dialog vor einem Spiegel, doch dann verlässt ihn der Mut. Ozons Film war erstmals beim Filmfestival in Cannes im November 2005 zu sehen und lief ab März 2006 in deutschen Kinos.
Monsieur Ozon, dies ist der zweite Teil ihrer Trilogie über die Trauer. Was fasziniert Sie an dem Thema Tod und Trauer?
Tatsächlich interessiert mich mehr die Trauer als der Tod. Genauer, die Art, wie Menschen den Tod eines Angehörigen oder eine Trennung verarbeiten und wie sie die Zeit danach verdauen. Mein erster Film der Trilogie, „Unter dem Sand,“ handelt ja von der Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen. Für „Die Zeit, die bleibt“ habe ich mir die Frage gestellt, ob es möglich ist, im Angesicht des Todes um sich selbst zu trauern.
Ist dies ihr bislang gefühlvollster Film?
Ja, er konfrontiert den Zuschauer mehr als andere meiner Filme mit der Darstellung von Gefühlen. Ich wollte eine Hauptfigur haben, in dessen Gefühlsleben sich der Zuschauer
hinein versetzen kann. Ich wollte eine Art Melodram mit einem männlichen Protagonisten filmen. Ich liebe es, wenn im Kinosaal geweint wird.
Die Geschichte ist sehr authentisch erzählt: Haben Sie selbst schon einmal die Situation erlebt, sterbenskrank zu sein?
Nicht direkt, aber ich habe meine ersten sexuellen Erfahrungen im „Aidszeitalter“ gemacht und habe viele junge Menschen in meinem Umfeld an dem Virus sterben sehen. Und mir ist klar geworden, dass junge Leute im Angesicht ihres nahenden Todes nicht so heroisch reagieren wie amerikanische Filmhelden dies oft vorspielen, die immer so edel und gefasst sind und jeden verbleibenden Augenblick ihres Lebens sehr bewusst genießen. Ich wollte einen Todkranken jenseits dieser Klischees darstellen.
Ihr Hauptdarsteller, Melvil Poupaud, spielt also keinen klassischen Filmhelden?
Nein, überhaupt nicht, seine Darstellung von Romain ist sehr menschlich. Der verhält sich, wie er kann und nicht, wie er es vielleicht gern will. Er wünscht sich vielleicht, etwas Außergewöhnliches zu tun. Er möchte mit seinen Eltern reden, sich mit seiner Schwester versöhnen, seinem Freund helfen, aber er kann nicht. Und genau um diese Schwäche der Figur geht es mir.
Romain entdeckt Dinge aus seiner Kindheit wieder: Eis essen, spielen. Wie haben Sie das mit dem Schauspieler erarbeitet?
Ich glaube, Melvil war persönlich sehr berührt von der Filmhandlung. Ich bat ihn, aufzuschreiben, wie Romains Wandel seiner Ansicht nach konkret aussehen müsste. Er versetzte sich vollkommen in Romain hinein und sagte sich: Der muss die ganze Zeit eine strenge Diät einhalten, wenn der jetzt ein Eis essen geht, ist das für ihn wunderbar.
Eine wichtige Bezugsperson Romains ist dessen Großmutter, gespielt von der gefeierten französischen Schauspielerin Jeanne Moreau. Haben Sie sich mit dieser Starbesetzung der Rolle einen großen Wunsch erfüllt?
Ja, das war unglaublich! Ich wollte immer schon mit Jeanne Moreau arbeiten. Als ich sie anrief, fragte sie zunächst: „Ich soll ja wohl nicht etwa eine Großmutter spielen?“. Ich schickte ihr mein Drehbuch, und es überzeugte sie sofort. Jeanne ist eine sehr großzügige Schauspielerin, die auch eine für ihre Verhältnisse eher kleine Sprechrolle akzeptiert. Sie hat mir viel Vertrauen bewiesen. Einige Szenen hat sie durch Details aus ihrem Privatleben bereichert, etwa wenn sie die Großmutter Laura nackt schlafen lässt.
Haben Sie auch Privates aus ihrem eigenen Leben für die Inszenierung von Romain verwendet?
Nein, aber ich denke, für die Rolle des Romain hat Melvil Poupaud mich viel beobachtet, ich diente ihm als Inspirationsquelle für einige Charakterzüge, so dass ich ihn manchmal daran
erinnern musste, dass ich nun einmal nicht Romain bin. Wenn ein Schauspieler mit einem Regisseur zusammenarbeitet, der ihm sehr nah steht, pflegt er diesen für seine Rolle oft ein wenig zu imitieren.
Sie haben einmal gesagt, die Szenen mit Jeanne Moreau und Melvil Poupaud seien die wichtigsten. Warum?
Ich denke, die Szenen mit den beiden sind das Herzstück meines Films. Das sind die Momente, in denen Romain sich öffnet und über seine Gefühle spricht. Ich wollte, dass diese Begegnung etwas Magisches bekommt, weil sich beide Figuren sehr nah stehen.
Noch ein Wort zur Filmmusik von Arvo Pärt und Valentin Silvestrov. Ihre Lieblingskomponisten?
Ja, ich schätze ihre sehr puristisch klingende Musik, mit wenigen Noten. Ich habe diese Stücke so ausgewählt, weil sie Einblicke in Romains Seele gewähren sollen.
Interview: Nicole Trötzer beim Filmfestival „Berlinale“ in Berlin 2005.