Wie lebt es sich eigentlich als…. Lebensretter von Gran Canaria

Manuel Sosa Medina, Fischer und Strandreiniger aus El Puertillo, hat bisher rund 300 Menschen aus dem Meer geborgen. Oft hat er dabei sein Leben riskiert, Geld zur Belohnung nimmt er nie an.

Lebensretter von Gran Canaria - Manuel Sosa Medina

Manuel Sosa Medina – Lebensretter von El Puertillo

Wann haben Sie den ersten Menschen vor dem Ertrinken gerettet?
Das war vor 37 Jahren, da war ich 15 und fischte gerade an der Küste von El Puertillo. Ein siebenjähriges Mädchen, es hieß Amelia, schwamm bei starker Strömung raus. Ich sah, wie sie in den hohen Wellen kämpfte und viel Wasser schluckte. Als ich sie in mein Boot zog, war sie schon bewusstlos, ich musste sie beatmen. Das hat mir erst mal Ärger mit ihrem Vater eingebracht, der nicht wusste was los war und dachte, ich wollte seine Tochter verführen.
Dann haben ihm andere schnell berichtet, was passiert war – da war er nur noch dankbar.
Was sind das für Menschen, denen Sie zu Hilfe kommen?
Wie viele Menschen haben Sie bis heute aus dem Wasser gezogen?
Viele sind Touristen, die hier baden oder surfen. Aber auch Einwohner aus meinem Dorf waren dabei, Kinder und einige Fischer.
Wie verkraften Sie Misserfolge bei Ihren Einsätzen?
Schlecht, es tut immer weh, den Angehörigen erklären zu müssen, dass meine Hilfe zu spät kam. Vor kurzem sind hier zwei Männer und eine Frau über Bord gegangen. Die Männer konnte ich nur tot bergen, das ist nicht leicht zu akzeptieren. Aber die Frau lebt! Ich werde nie aufgeben und versuche immer, so viele wie möglich zu retten.
Warum riskieren Sie für andere Menschen ihr Leben?
Mein Motto lautet: „Tu Gutes und frag nicht, für wen.“ Ich glaube fest daran, dass es meine Bestimmung ist, die Menschen hier vor dem Ertrinken zu retten. Außerdem liebe ich das Meer, ohne den salzigen Ozean könnte ich nicht leben.
Was war Ihre schönste Belohnung?
Am meisten freuen mich die Wärme und das Vertrauen der Menschen. Wenn sie sagen, dass sie sich am Meer sicher fühlen, wenn ich da bin. Viele der Geretteten kehren nach El Puertillo zurück und besuchen mich. Von einem jungen Mann habe ich mal einen Fernseher als Dank erhalten – den hüte ich, wie einen Schatz. Stolz bin ich auch auf die Silbermedaille*, die mir die Regierung von Gran Canaria letztes Jahr verliehen hat. Geld als Belohnung nehme ich aber nie.
Sie besitzen ein vier Meter langes, altes Motorboot. Reicht das, um den hohen Wellen und starken Strömungen vor Arucas Stand zu halten?
Dieses Boot kenne ich wie mich selbst, es ist seit meiner Jugend mein einziges Boot.
Ich kann sehr geschickt mit ihm umgehen. Wir sind ein gutes Team im Kampf gegen die
Wellen. Manchmal muss ich mein Boot auch verlassen. Einmal bin ich ohne Ausrüstung 19 Meter tief getaucht, um einen untergegangenen Mann zu bergen.
Haben die Behörden keine Probleme mit ihrem freiwilligen Einsatz?
Nein, im Gegenteil, ich bin mobil jeder Zeit erreichbar und ständig in Kontakt mit der lokalen Polizei und dem Roten Kreuz. Wenn jemand in Not ist, rufen die mich an. Damit verdiene ich aber nicht mein Geld. Menschenleben sind unbezahlbar.
Warum heißen Sie und ihr Boot „Sandokan“ ?
Wir sind nach meiner Lieblingsfernsehserie benannt. Als Kind hatte ich ein kleines Holzboot, das taufte ich „Sandokan,“ dann riefen mich die anderen auch so. Ich wollte auch so sein, wie der malaiische Pirat aus dem Kinderbuch: Ein selbstloser Held der Meere.

Veröffentlicht in GEO Special, Dezember 2005.