
Cover Rowohlt Verlag
Der kleine Lucas führt kein glückliches Leben, seine Eltern behandeln ihn schlecht,
seine Mitschüler hänseln ihn. Aber er besitzt eine besondere Fähigkeit, die ihn seine Umwelt vergessen lässt: Er kann in Büchern verschwinden, so oft und so lange, wie es ihm gefällt.
„Der Junge, der in den Büchern verschwand“ ist die Titelgeschichte des zwanzig Kurzgeschichten umfassenden Erzählbandes von Philippe Claudel. Der französische Autor widmet diese in einfacher Sprache erzählten Geschichten den Kindern unserer Zeit sowie den Erwachsenen von heute, die nicht ihre Kindheit vergessen haben. Mit Witz und Poesie beschwört er eine Welt herauf, die oft grausam ist, in der Krieg, Gewalt in der Familie und Gleichgültigkeit herrschen. Aber mit der Waffe der alle Gesetze außer Kraft setzenden Fantasie dürfen sich die Kinder rächen. Notfalls verlassen sie kollektiv den Erdball.
Claudel, der auch als Französischlehrer für Behinderte und als Dozent an der Universität Nancy tätig ist, zeichnet Kinder weder als wehrlose Opfer noch als naive Unschuldsengel. Mit viel Ironie erschafft er kleine Helden, die Opas alte Geschichten gar nicht hören wollen, sich viel lieber mit ihrer Playstation und ihrem iPod amüsieren. Da haben es auch Feen manchmal schwer, ein abgeklärtes Mädchen wie Caroline zu bezaubern. Die rät der Zauberin aus dem Feenland nämlich, sie solle sich beruflich neu orientieren und psychologisch beraten lassen.
Philippe Claudel:
Der Junge, der in den Büchern verschwand
Rowohlt Verlag 2008, 14,90 €.
BUCHTIPP in Kulturblatt Bergedorf 2008
Nicole Trötzer Buhrke