Das Gedächtnis ist immer subjektiv
Der französische Schriftsteller Patrick Modiano erhielt 2014 den Nobelpreis für Literatur. In jenem Jahr erschien auch sein sehr persönlicher Roman „Gräser der Nacht“. Eine Hommage an einen stillen Star der Literaturwelt.

Buchcover Hanser Verlag
Er sei gerade durch den Pariser Jardin du Luxembourg spazieren gegangen, als seine Tochter ihm die Nachricht per Handy mitteilte. Über sein Verlagshaus Gallimard in Paris ließ er verkünden, er sei „sehr überrascht“ und habe „absolut nicht damit gerechnet“.
Modiano widmete den Nobelpreis sogleich seinem Enkelsohn, der in Schweden lebt. Der 1945 in Paris geborene, menschenscheue Autor sagt über sich, er schreibe auch „um sich hinter den Büchern zu verstecken“, und so ist es nicht verwunderlich, dass er Starrummel um seine Person meidet. Er lebt zurückgezogen mit seiner Frau in Paris, am linken Seineufer, dem von Künstlerin und Intellektuellen geprägten Stadtgebiet, das er so oft in seinen Büchern beschreibt. In seinen mittlerweile 27 Romanen – alle zunächst mit der Hand geschrieben, ohne Computer – hat er ein höchst eigenes modianesques Universum erschaffen, mit einem unverkennbaren Sprachstil, flüssig und elegant, ein wenig traumwandlerisch. Für Modiano ist Schreiben ein „Mittel, den Dingen des Lebens etwas Geheimnisvolles zu verleihen, oder besser noch, das Geheimnis zu entdecken, das hinter ihrer scheinbaren Banalität versteckt ist.“ Tatsächlich bleibt bei ihm vieles angedeutet, Menschen, die sich in seinen Geschichten begegnen, kennen sich nie wirklich. Modiano war stets selbst ein Suchender. Als Kind verbrachte er viel Zeit allein, sein Vater, ein italienisch-jüdischer Kaufmann, lebte zur Zeit der NS-Besatzung im Untergrund, später verließ er die Familie ganz. Auch seine Mutter, eine flämische Schauspielerin, war viel am Theater beschäftigt und ließ den Jungen durch die Straßen ziehen oder quartierte ihn bei den Großeltern ein. Seine Schulzeit verbrachte er überwiegend in Internaten. Einsamkeit, die Suche nach Nähe und die Beschäftigung mit dem Leben zur Zeit der deutschen Besatzung sind in seinem Werk stets wiederkehrende Themen. In seinem fulminanten Romandebüt „La Place de l’Étoile“ – der fingierten Autobiografie eines „Kollaborationsjuden“ – widmete sich der damals 22-Jährige erstmals der Beschreibung Pariser Lebens zur Zeit der Occupation. Neben diesem zentralen Motiv variiert er immer wieder menschliche Begegnungen, Liebe, das Bemühen um Erinnerung, endlose Streifzüge durch Paris stilistisch virtuos und derart konsequent, dass er selbst sagt: „Ich habe den Eindruck, immer wieder an demselben Buch zu schreiben.“ Dabei waren nicht nur das Untertauchen des jüdischen Vaters und die spätere Trennung seiner Eltern prägend für ihn, sondern vor allem auch der frühe Tod seines Bruders Rudy, der mit neun Jahren an Leukämie starb. Die Trauer um den jüngeren Bruder war ein wesentlicher Motor für sein literarisches Schaffen, viele seiner Romane widmete er Rudy, er schrieb, um das Andenken des Menschen, der ihm in der Kindheit am nächsten stand, dem Vergessen zu entreißen.
„Gräser der Nacht“, sein jüngster Roman, ist wieder ein echter Modiano. Ein Schriftsteller, genannt Jean, folgt den Spuren einer Frau, die er vor zwanzig Jahren gekannt hat und die eines Tages spurlos verschwindet. Ein schwarzes Notizheft ruft die Erinnerungen an jene Frau, an jene Epoche Anfang der Sechzigerjahre wach. Zudem versteckt sich die geheimnisvolle Frau hinter einer falschen Identität und ist in ein Verbrechen verwickelt. Doch bei Modiano geht es nicht darum, einen Mord aufzuklären oder einen Täter zu überführen, vielmehr durchwandert er innere Landschaften, in denen Erinnerung und Gegenwart zu einer Erfahrung der Zeitlosigkeit verschmelzen. Diese subtile Form der Wahrnehmung, bei der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischen, fasziniert und ist charakteristisch für das Gesamtwerk von Modiano, der sich auch von Nietzsches Idee der „ewigen Wiederkehr der Dinge“ inspirieren ließ.
Es hat eine Weile gedauert, bis seine Romane auch in Deutschland entdeckt wurden. Peter Handke übersetzte 1985 den Jugendroman „Une jeunesse“ und führte den französischen Schriftsteller damit als erster in die deutschsprachige Literaturwelt ein, sein Romandebüt „La Place de l’Étoile“ erschien allerdings erst 2010 auf Deutsch. In Frankreich ist Modiano schon lange ein Klassiker: Die Académie française ehrte ihn bereits 1972, sechs Jahre darauf erhielt er den renommierten Prix Goncourt. Die Entscheidung der schwedischen Akademie wird dazu beitragen, dass der unverwechselbare, evozierende Erzählstil des stillen Franzosen nun weltweit viele Leser erreichen wird.
Interview:
Gibt es Ihrer Ansicht nach einen Unterschied zwischen Erinnerung und imaginärer Vorstellungskraft?
Nein, das ist dasselbe, denn das Gedächtnis ist immer subjektiv und bruchstückartig, so dass es oft die Realität verändert.
In Ihren Romanen beschreiben Sie sehr eindringlich die Atmosphäre in den Straßen von Paris zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, oder, wie in Ihrem jüngsten Roman, in den sechziger Jahren – mögen Sie vor allem ein Paris aus der Vergangenheit?
Das Paris meiner Romane ist ein Paris in meinem Inneren, zeitlos, so wie vertraute, eigentlich banale Straßen in einem Traum eine ungewöhnliche Bedeutung annehmen können.
Ihre Eltern sind sich im deutsch besetzten Paris zur Zeit des Zweiten Weltkrieges begegnet. Ihr Vater war jüdischer Abstammung und musste im Untergrund verschwinden, um nicht von der Gestapo gefasst zu werden. Woran denken Sie heute, wenn Sie von Deutschland hören?
Ich denke vor allem daran, dass meine Mutter, als sie während des Krieges nach Paris kam, nur Bücher deutscher Autoren im Gepäck hatte, die ich bis heute aufbewahre.
Lesen Sie auch deutsche Autoren?
Ja, oft, aber in französischer Übersetzung. Leider kann ich kein Deutsch sprechen, aber das will ich noch in Angriff nehmen. Eine Bettlektüre von mir ist eine Anthologie deutscher Poesie, erschienen bei Gallimard.
In ihrem Buch „Familienstammbuch“ haben Sie geäußert, dass ihre Erinnerung bis vor den Zeitpunkt ihrer Geburt reicht, dass sie mit Zwanzig sicher waren, schon einmal gelebt zu haben, und zwar in Paris zur Zeit der deutschen Besatzung. Wie erklären Sie sich das?
Wie alle, die wie ich 1945 geboren sind, habe ich den Eindruck, aus Chaos und Krieg geboren zu sein – die Zeit der Besatzung ist für mich die Nacht meines Ursprungs.
Text und Interview: Nicole Trötzer
Patrick Modiano: Gräser der Nacht
Hanser Verlag, 176 Seiten
18,90 Euro
Weitere Bücher von Modiano:
Pariser Trilogie. Drei Romane.
Suhrkamp Verlag, 359 Seiten, ca. 10 Euro.
Place de l’Etoile, Hanser Verlag, 192 Seiten
17,90 Euro, auch als E-Book erhältlich.
Catherine, die kleine Tänzerin. Illustriert von Jean-Jacques Sempé.
Diogenes, 80 Seiten, 14,90 Euro.
Text und Interview sind im BÜCHER Magazin 2014 erschienen.